be your own safe place
- 20. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juni
Sich selbst zum Ort zu werden, an dem Sicherheit erlebt und empfunden wird ist möglicherweise die beste Anstrengung, die sich in diesem Leben machen lässt.
(Dieser Text ist ein Auszug aus einem Vortrag zum Thema "Bereit für das Unerwartete?", den ich im November 2025 in Wien halten durfte.)

Der Mensch ist zum Gegenüber gemacht, unser neurologisches Netz ist ein soziales Produkt.
Für sein mentales wie körperliches Wohlergehen sind gesunde Beziehungen und Gemeinschaften essentiell.
Schwierig wird es, wenn sich einer am anderen festhält, um nicht umzufallen. Bildlich im schlingernden Bus: Klammere oder lehne ich mich in der Kurve an den Fahrgast neben mir oder bleibe ich locker in den Knie und federe die Fliehkräfte ab.
Die Antwort ist alles andere als belanglos, unterscheidet sie doch über nichts weniger als das eigene Lebensglück und das meiner nächsten.
„Ich liebe Dich!“ „Ich bin so gerne bei Dir!“ - an diesen Worten wird der Mensch zum Menschen.
Wenn es heisst „Ich brauche Dich“ sollte der innere Alarm schrillen, hier ist in den meisten Fällen Vorsicht geboten.
In Beziehungen sucht der Mensch Sicherheit und die Möglichkeit der Fortpflanzung.
So knapp, so unromantisch.
Alles andere, das, was menschliche Verbindungen so wunderbar macht, fusst auf dieser Anziehung: die Weitergabe von Wissen und Können, die Bildung sozialer Gemeinschaften, der Schutz vor Gefahren.
In der Unübersichtlichkeit der Neuzeit, unterwegs im wackelnden Bus - Zyniker sagen mit drei platten Reifen - spielt unser Gehirn uns im Bemühen um Ressourcenschonung einen Streich indem es vorgaukelt, Sicherheit wäre käuflich.
Warum sich selbst bemühen, zumal der Preis für die Befriedigung des eigenen Bedürfnisses nach Sicherheit im Außen gering zu sein scheint im Verhältnis zu den Mühen, die die Persönlichkeitsentwicklung mit sich bringt?
Ein Trugschluss. Wie bei den meisten einfachen, externen und materiellen Strategien zur Bedürfnisbefriedigung währt der Friede nur kurz. Ist doch das menschliche System geprägt von Jahrmillionen des Überlebenskampfes und gut belegten Erfahrungen des Verlustes: Was dir eben noch Halt und Sicherheit versprach kann im nächsten Augenblick verloren sein.
Gegen diese tiefen Prägungen hilft kein noch so tiefgründiges Mantra und kein Wandtattoo.
Gesunde Familien, gut funktionierende, psychologisch sichere Teams und andere Gemeinschaften basieren auf Mitgliedern, die in der Lage sind, eigene Impulse zu steuern und die eigenen Emotionen zu regulieren.
Sicherheit ist ein Gefühl, das sich einstellt mit einem regulierten Nervensystem. Und für dieses möge ein jeder selbst verantwortlich sein, aller äußeren Reize und Einflüsse eingedenk.
Zum höchsten Wohle seiner selbst und der ihn umgebenden Menschen.
Safety is an inside job.
(Happiness follows ;)
Corinna Cremer, Dozentin und Vordenkerin für Krisengesundheit.
"Krisen sind besser als ihr Ruf und Vorbereitung lohnt sich - weil wir Ausnahmesituationen selten verhindern können, anders als ihre Folgen." Einige meiner Erlebnisse und Erfahrungen aus 30 Jahren in der Begleitung von Menschen und Organisationen in Herausforderungen teile ich in der Kolumne gerührt & geschüttelt. www.corinnacremer.com
