Ist Sicherheit käuflich?
- 23. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Mai
Stellungnahme zum "Pakt für Bevölkerungsschutz", verabschiedet von der Deutschen Bundesregierung Mai 2026 .

Die Idee, Sicherheit könne überwiegend gekauft statt geübt werden ist eine riskante gesellschaftliche Illusion.
Seit mehr als zwanzig Jahren setze ich mich dafür ein, dass Menschen Krisen bestmöglich bestehen können.
Selbstgewählte - und weniger selbstgewählte.
In Organisationen und außerhalb.
In der öffentlichen Sicherheit.
In der Krisenintervention.
Und mit einer gemeinnützigen Organisation, die zugänglich macht, was in Hochrisikobranchen längst selbstverständlich ist: Vorbereitung, Training, Handlungsfähigkeit unter Druck.
Genau deshalb kommt bei mir zum aktuellen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ keine ungeteilte Freude auf.
Ja: Wir brauchen verlässliche Ausrüstung für Einsatzkräfte. Wir brauchen resilientere Infrastruktur. Wir brauchen Schutzräume, Feldbetten, Notfallmaterial, funktionierende Systeme.
Aber Sicherheit ist nicht käuflich.
Auch die beste Notfallausrüstung muss gehandhabt werden können. Komplexe Technik muss bedient, gesteuert und verantwortet werden. Und zwar von Menschen.
Vor kurzem sagte mir die Leitung eines Katastrophenschutz-Teams:
„Technisch haben wir hier alles. Aber im Ernstfall fallen mir meine Mitarbeitenden um wie die Fliegen. Von Durchhaltefähigkeit sprechen wir da noch gar nicht.“
Genau dort beginnt Bevölkerungsschutz.
Nicht erst bei der Beschaffung. Sondern bei der Frage, ob Menschen unter Druck stabil, besonnen und handlungsfähig bleiben.
Das gilt für Einsatzkräfte. Und es gilt für Bürgerinnen und Bürger.
Die beste Handreichung, der beste Notfallvorrat, die Raviolidosen im Keller - all das hilft wenig, wenn Menschen in Panik geraten, erstarren oder unbesonnen handeln.
Dafür müssen wir nicht einmal die Neurowissenschaften bemühen. Jeder Einsatz im Alltag zeigt bereits heute, wie sehr unvorbereitete, verunsicherte oder panische Menschen zur zusätzlichen Belastung werden können.
Einkaufen ist einfacher als trainieren.
Und natürlich brauchen wir Ausrüstung: mehr, besser, verfügbarer. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, Sicherheit entstehe vor allem durch Anschaffung.
Sicherheit entsteht durch Vorbereitung. Durch Übung. Durch mentale Stabilität. Durch Handlungsfähigkeit unter Druck.
In unserer NGO skyminds e.V. arbeiten wir unter anderem mit Einsatzkräften der Blaulichtfamilie. Ihr größtes Hindernis im Ernstfall sind nicht fehlende Checklisten. Sondern Menschen, die nicht wissen, wie sie sich selbst und andere in Ausnahmesituationen regulieren, schützen und orientieren können.
Deshalb braucht Bevölkerungsschutz mehr als Material.
Er braucht Training. Verantwortung. Selbstwirksamkeit. Und die Bereitschaft, Krisenkompetenz nicht erst dann zu suchen, wenn die Krise bereits da ist.
Die gute Nachricht: Immer mehr Menschen erkennen, dass das eigene Wohl - und das ihrer Nächsten -in Ausnahmesituationen wesentlich von der eigenen Besonnenheit und Handlungsfähigkeit abhängt.
Und sie sind bereit, zu üben. In eigener Verantwortung.
Und das - das freut mich sehr.
Corinna Cremer, Dozentin und Vordenkerin für Krisengesundheit.
"Krisen sind besser als ihr Ruf und Vorbereitung lohnt sich - weil wir Ausnahmesituationen selten verhindern können, anders als ihre Folgen." Einige meiner Erlebnisse und Erfahrungen aus 30 Jahren in der Begleitung von Menschen und Organisationen in Herausforderungen teile ich in der Kolumne gerührt & geschüttelt. www.corinnacremer.com
