Survivorship Bias in der Mentalen Gesundheit: Was wir übersehen.
- 5. Mai
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Die Psychologie des Überlebens stellt neue Herausforderungen. Unter Beschuss steht die Mentale Gesundheit.

Vermutlich ist Ihnen diese Grafik eines Flugzeugs schon einmal begegnet: Sie zeigt die Einschusslöcher zurückgekehrter Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg. Damals erschien es logisch, genau diese am häufigsten getroffenen Bereiche zu verstärken - Tanks, Leitwerk, Tragflächen. Übersehen wurde dabei jedoch Entscheidendes: Die Flugzeuge, die an anderen, kritischeren Stellen getroffen wurden, kehrten gar nicht zurück. Ihre Schäden waren fatal - und unsichtbar.
Eine ähnliche Logikfalle finden wir heute im Umgang mit mentaler Gesundheit.
Unser Gehirn, von der Evolution für das Überleben in der Steinzeit gebaut, ist mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts oft überfordert: pausenlose Reizverarbeitung, virtuelles Beziehungsmanagement, ständige Orientierung in komplexen Problemlagen. Die Folge: nervliche Materialermüdung – für uns spürbar als Stress.
Survivorship Bias beschreibt die kognitive Verzerrung, Erfolge systematisch zu überschätzen, weil wir nur die Erfolgreichen sehen – nicht die, die gescheitert sind. Übertragen auf die mentale Gesundheit bedeutet das: Wir neigen dazu, uns an denjenigen zu orientieren, die scheinbar mühelos mit dem Dauerfeuer aus Reizen, Bedrohungen und Veränderungen umgehen.
In unseren westlichen Gesellschaften hat die mentale Gesundheit in den letzten Jahren erfreulicherweise eine stärkere Lobby bekommen. Psychische Belastungen sind sichtbarer geworden, Betroffene finden zunehmend Gehör und Unterstützung.
Der Survivorship Bias wirkt weiterhin: Denn im Blickfeld stehen meist zwei Gruppen – die sichtbar Belasteten und die scheinbar Belastbaren.
Was dabei oft unsichtbar bleibt, sind die vielen Menschen dazwischen: jene, die sich mühsam „durchschleppen“, deren Warnsignale nicht ernst genug genommen werden und die trotzdem funktionieren - bis es irgendwann nicht mehr geht.
Was nicht hilft: Erschöpfte Menschen brauchen Ruhe – so weit, so logisch und seit der Steinzeit bewährt, als sich unsere Vorfahren nach der Jagd in ihre Höhle zurückzogen. Aber: Mentale Erschöpfung erholt sich nicht durch bloße körperliche Schonung.
Ganz im Gegenteil. Wer lediglich weniger arbeitet und die gewonnene Zeit mit passivem Konsum von TV, Social Media oder Computerspielen füllt, belastet seine Psyche zusätzlich.
Ebenfally wenig hilfreich ist die Identifizierung mit den eigenen Befindlichkeiten. "Ich bin gestresst" gilt heute als Zustandsbeschreibung, Erklärung, Rechtfertigung auch im Kontext von Selbst- und Fremdverantwortung.
Was wirklich hilft: Menschen, die mental stabil und widerstandsfähig (resilient) bleiben, haben einige Gewohnheiten gemeinsam:
Bewegung ist fester Bestandteil ihres Alltags.
Gesunde Ernährung gibt dem Körper die Basis, die auch der Psyche zugutekommt.
Ein eigenes (!), klar erlebbares Lebensziel schenkt Sinn und Freude.
Emotionen werden nicht verdrängt, verstärkt oder „wegoptimiert“, sondern in ihrer Botschaft verstanden.
Zeit für mentale Hygiene – wie Meditation oder Achtsamkeitspraxis – hat einen festen Platz im Tagesablauf.
Herausforderungen im Alltag werden zum Training genutzt.
Und nicht zuletzt: Mentale Stärke bedeutet auch, gut alleine sein zu können - mit sich selbst in bester Nachbarschaft.
Fazit Wenn wir die richtigen Stellen verstärken – Bewegung, Sinn, Training – begegnen wir der Mental-Health-Pandemie substanziell und evidenzbasiert. So können wir verhindern, dass zu viele Menschen auf ihrem Flug durchs Leben verloren gehen. Denn eines ist sicher: Der nächste Sturm zieht bereits auf am Horizont.
Literaturverzeichnis (APA 7th)
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Kanakkassery Satheesan, S. (2025). Survivorship Bias in Psychological Research: An Analysis of Trends and Implications. In Proceedings of the 7th International Conference on Social Science, Humanities and Education. Diamond Scientific Publication. https://www.dpublication.com/abstract-of-7th-3sconf/13-1383/
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Wikipedia-Autoren. (2025). Survivorship Bias. In Wikipedia. Abgerufen am 22. August 2025, von https://de.wikipedia.org/wiki/Survivorship_BiasManchen
Corinna Cremer, Dozentin und Vordenkerin für Krisengesundheit.
"Krisen sind besser als ihr Ruf und Vorbereitung lohnt sich - weil wir Ausnahmesituationen selten verhindern können, anders als ihre Folgen." Einige meiner Erlebnisse und Erfahrungen aus 30 Jahren in der Begleitung von Menschen und Organisationen in Herausforderungen teile ich in der Kolumne gerührt & geschüttelt. www.corinnacremer.com
