Lebenskunst

In unsicheren und unübersichtlichen Zeiten ist der Mensch direkter mit der Endlichkeit seines Daseins konfrontiert denn an den satten, friedlichen Tagen. Was macht sie aus, die Lebenskunst. Und: Können wir sie lernen?




Lebenskunst. Woran denken Sie bei diesem Wort? Welche Assoziationen werden geweckt? Schenken Sie mir diesen Moment und lassen Sie sich das Wort auf der Zunge zergehen …. Lebenskunst….

Welche Bilder tauchen auf, welche Farben, Gerüche, Gefühle....


Im Publikum waren einzelne Seufzer zu hören, als ich vor kurzem mit dem Thema zu einem Vortrag eingeladen war. Gutes Essen. Sonne. Meeresrauschen. Liebe, Noch mehr Liebe, Gute Musik, Nicht mehr arbeiten. In den Tag hinein leben…. so die häufigsten Rückmeldungen, auffallend häufig. Wie stets gab es auch den einen oder anderen genüsslich schweigenden Zuhörer - ich habe nicht nachgefragt…



Ars vivendi.

Philosophen aller Epochen haben gedacht, geschrieben und vermutlich auch diskutiert - wir wissen es nicht so genau - zur Frage aller Fragen: Wie lässt sich unsere Zeit auf Erden zu einer guten Zeit machen. Was macht ein gelingendes Leben aus.

Viel Zeit zum Ausprobieren - trial and error, wie wir es gerne tun in Beziehungen, Berufen, Wohnorten - bleibt nicht. Einen Wimpernschlag dürfen wir weilen, hier auf dem blauen Planeten, im schwarzen All.

Nüchtern betrachtet eine Entscheidungssituation unter Druck. In welcher gut daran tut, wer sich seinen Aktionen und Reaktionen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit stellt.

Das Leben ist die Aufführung, nicht die Generalprobe.


Nun, wenn nicht viel Zeit ist, kommen wir am besten zügig zum Kern der Sache.

Einigkeit besteht über Epochen und Wissenschaften hinaus in den Qualitäten und Kriterien der Kunst, ein gutes Leben zu leben.

Das Problem: Eben diese Kriterien laufen den Standard-Einstellungen des menschlichen Gehirns und damit unserer Steuerungszentrale - zuwider. Was bedeutet, Transfer und Integration des Erkannten gelingen nicht ohne systematisches Training, denn das Handeln, welches nach Philosophie, Historie, Empirie und Studienlage zu einem gelingenden Leben führt ist kontra-intuitiv.



Das Handeln, welches nach Philosophie, Historie, Empirie und Studienlage zu einem gelingenden Leben führt ist kontra-intuitiv.


Lassen Sie mich diese These anhand einiger Elemente des gelingendes Leben näher erläutern:


Caring creates resilience

Eine gesunde, stabile innere Widerstandsfähigkeit schützt vor Blessuren im Sturm des Lebens und gibt uns die Besonnenheit, auch unter Druck und in unübersichtlichen Situationen entlang unserer Werte, weniger entlang unsere Ängste und Sorgen zu entscheiden. Eine gute Basis, um das Leben zu führen, welches ich führen möchte, meinen Sie nicht auch? Gut belegt ist der Umstand, nachdem Menschen, die sich regelmäßig um andere kümmern, bzw für die Belange anderer engagieren über eine deutlich stärkere Resilienz verfügen als die nach Alter, Sozialstatus, Beruf, Wohnort und sonstigen Lebensumständen vergleichbare Personen.

Die Datenlage ist eindeutig - die Herausforderung: Zum einen dem Impuls zu widerstehen, sich der Selbstfürsorge über das erforderliche Maß hinaus hinzugeben. Zum anderen die nicht unberechtigte Sorge, sich in der mitfühlenden Sorge um andere zu verlieren. Empathie braucht gesunde Grenzen!

…und natürlich: Den inneren Schweinehund aus seiner Hütte locken und damit der Bequemlichkeit die Stirn bieten ;-)


Leben wächst außerhalb der Komfortzone.

Wir sind gemacht für Herausforderungen, genauer gesagt: Unsere Neurobiologie, unsere Biochemie - ja, genau besehen sind wir eine Chemiefabrik - belohnt neugieriges, mutiges Verhalten und Handeln mit guten Gefühlen. Erinnern Sie sich: Wie ging es Ihnen, als Sie sich das letzte Mal in einer Sache - sei es ein Buch, oder ein Handwerksprojekt vertieft haben? Das nennt man Flow…. Oder als Sie über ihren Schatten gesprungen sind, vielleicht um für ihre Meinung einzutreten. Mutig.

Können Sie erkennen, warum sich diese Wirk-Mechanismen evolutionsbiologisch bewährt haben?



Um zu überleben, braucht es immer neue Lösungen für immer neue Anforderungen.


Ihre Ahnen waren also wahrscheinlich sehr erfolgreich im Entdecken, Entwickeln, mutigem Ausprobieren - und im nicht-aufgeben. Treten Sie in ihre Fuss-Stapfen! Was wollten Sie schon immer mal machen? Tun Sie es jetzt. Die Zeit läuft. Und das einzige, was sich ohne ihr zutun vermehrt, sind ihre inneren Warner, Bedenkenträger und Sicherheitsapostel. Womit wir beim nächsten Punkt wären.



Das einzige, was sich ohne ihr zutun vermehrt, sind ihre inneren Warner, Bedenkenträger und Sicherheitsapostel.


Es gibt keine Sicherheit im Aussen.

Die Abwesenheit von Bedrohungen - Sicherheit- ist für das Überleben wesentlich. Weshalb das menschliche Gehirn, dessen primäre Aufgabe die Sicherung der Weitergabe der Gene, nicht wie vielfach vermutet die Glückseeligkeit seines Wirtes ist, seine Umgebung 24/7 auf Gefahren scant. Zielobjekte: Äußere Gefahren und zwischenmenschliche Bedrohungen. Denn die Akzeptanz im Stammesgefüge war zu Zeiten der Entwicklung unseres neurologischen Netzes ebenso elementar für das Überleben wie die Abwesenheit des Säbelzahntigers. „Bin ich sicher? Werde ich geliebt/anerkannt? Bin ich sicher? Werde ich…“. Nur mit der Rückmeldung eines klaren JA stehen die höheren Hinfunktionen vollumfänglich zur Verfügung. Kapazitäten, auf die wir heute in der komplexen Umgebung unseres Seins nicht verzichten können, wollen wir uns orientieren und handlungsfähig bleiben.



Safety is an inside Job.


Mit zunehmender Industrialisierung und dem Komfort einer Vollkasko Gesellschaft schlich sich die Überzeugung ein, Sicherheit sei käuflich. Und dieser Glaube verkauft sich gut: Schauen Sie sich die Werbeanzeigen an! Wer sich nicht verführen lässt ist ihr Gehirn. Die Erfahrungen aus Jahrmillionen haben es geprägt: Sicherheit im Aussen ist fragil, sie kann sich in jedem Moment, mit einem Fingerschnippen auflösen. Bestand hat der Aufbau von innerer Sicherheit: Ich kann mich auf mich verlassen, was auch immer das Schicksal aus seiner Überraschungskiste holt. Ich weiss, wie ich reagiere und wie ich am günstig reagiere, wenn die Wellen hochschlagen. Ich weiss, was mir wichtig ist, kenne meine Kernwerte und auch wenn ich meinen Weg manchmal aus den Augen verliere, finde ich wieder zurück.



Das Realitätsgefühl kommt leicht abhanden, wenn lange nichts ernstes mehr passiert ist.


Sicherheit ist ein Gefühl. Jenseits der Unfall Statistiken zum Tragen eines Sicherheitsgurtes ist Sicherheit jedoch kein absoluter Wert, vielmehr eine subjektive Empfindung. Jedoch eine, welche direkt über die Qualität des Lebens bestimmt. Nur wer sicher in sich selber ist, ist frei. Frei vom haltsuchenden Griff nach Aussen, frei von falschen Versprechen und freier von Ängsten.

Bevor Sie also das nächste Mal eine Versicherung abschliessen oder eine Alarmanlage kaufen - betrachten Sie bitte diese Beispiele willkürlich gewählt - prüfen Sie eine Investition in ihre innere Sicherheit.



Harter Tobak. Wollten wir nicht über Lebenskunst sprechen?

Nun, das an dieser Stelle vielleicht wichtigste Ergebnis zum Schluss dieses kurzen Essays: Lebenskunst hat mit dolce farniente, dem süssen Nichtstun wenig zu tun. Auch wenn die köstlichen Momente, in facettenreicher Ausprägung je nach persönlichem Geschmack dem Lebenskünstler geschenkt werden.


Wie bei allen Künsten wächst auch in der Kunst des Lebens das Geschick mit der Praxis.

Sie. liebe Leserin, lieber Leser, tragen die Gene derer, die vor ihnen gingen. Mutig, neugierig, tapfer. Wagen Sie das gute Leben, auch und grade weil es nicht einfach ist.

Sie werden es nicht bereuen. Promised.


aus: Nennen wir es Freiheit, Corinna Cremer, copyright 2022


 

Corinna Cremer berät, begleitet und inspiriert seit über 20 Jahren Menschen zum erfolgreichen Umgang mit Herausforderungen, selbstgewählte (zB Projekte) wie weniger selbstgewählte (aka Krise). Zu ihren Kunden gehören internationale Konzerne, mittelständische Familienunternehmen, Start-ups, NGOs, Einzelklienten.

Mit ihrer Expertise, ausgebildet in CISM unterstützt sie ein internationales Team in der Krisenintervention. Critical Incident Stress Management ist eine von den Vereinten Nationen, UN, anerkannte und im Bedarfsfall angeforderte Methode zur Krisenintervention und Prävention von Traumafolgestörungen. Corinna ist Präsidentin von skyminds, einer NGO für die Demokratisierung mentaler Gesundheit. . www.corinnacremer.com


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