Die Intelligenz der Angst.

Plädoyer für die Rehabilitation der Angst als kluge Ratgeberin resilienter, mental starker Menschen.


Angst hat ein schlechtes Image, zu unrecht, wie ich meine. Ist doch die Emotion der Angst nicht weniger als die dem Menschen eingebaute Überlebensversicherung - nature s protection for survival. Die Intelligenz der Angst zu nutzen, ermöglicht es, auch im Sturm stabil und handlungsfähig zu bleiben. Gute Entscheidungen bei 9 Beaufort.




Angst macht wach, schärft die Sinne, befähigt zu körperlichen und geistigen Höchstleistungen. Woran liegt es dann, dass wir sie nicht begrüssen? Vielmehr unterdrücken, leugnen, weg-medikamentieren, weg-trinken oder mit anderen Süchten in Schach halten?

Um das zu verstehen, lassen Sie uns genauer hinschauen: Angst ist ein Gefühl. Gefühle sind Daten, sie übermitteln unserem Bewusstsein Informationen, die wichtig sind für das Überleben des Organismus.

Diese Daten auszulesen - sprich anzuerkennen und anzunehmen ist im Zweifel eher unbequem, weshalb der mensch zur Verdrängung neigt.


Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen:


W U T ! Information: Meine Grenzen werden missachtet, es geschieht etwas, dass ich als unfair wahrnehme.


Oder: Ich spüre Trauer. Information: Nach einem Verlust brauche ich Ruhe und Rückzug, um das Erlebte zu integrieren.


Simpler: Durst! Information: Flüssigkeitsmangel, Aufforderung, die Reserven aufzufüllen: Besorg Dir was zu trinken!


Die Daten, die Angst uns liefert, lassen sich wie folgt auslesen: Achtung! Hier ist Aufmerksamkeit gefordert, etwas verändert sich. Ob diese Veränderung eine Bedrohung ist oder nicht ist noch nicht klar erkennbar, System vorbereiten auf Kampf und Flucht.

(Denn: Ist die Bedrohung klar, ist auch die Handlungsaufforderung klar - oder haben Sie schon mal Angst gespürt mit der Hand auf der Herdplatte? Oder bei Feueralarm?)



Angst ist ein Gefühl. Gefühle sind Daten, sie übermitteln unserem Bewusstsein Informationen, die wichtig sind für das Überleben des Organismus.


In seiner jüngeren Entwicklung hat es der Homo Sapiens aus einem - soweit erkennbar- einzigen Grund zu wahrer Meisterschaft in Sachen Verdrängung gebracht: Er konnte es sich leisten. Denn das unmittelbare Überleben hängt zunehmend weniger ab von der frühzeitigen Wahrnehmung etwaiger Bedrohungen. Keine neue Erkenntnis: Der Mensch degeneriert, denn wie andere neurologischen Pfade auch, verlieren unsere Sinne an Präsenz und Schärfe, je weniger wir sie nutzen. Use it or lose it.


Diese hier im Beispiel beschriebene Angst nennen wir auch erste oder valide Angst. Sie ist wichtig, hilfreich, nützlich. Und nebenwirkungsfrei.


Anders die zweite oder auch schädliche Angst. Sie entsteht, wenn Gedanken und Verhaltensmuster nach dem ersten Impuls die Arena betreten

Auch hier einige Beispiele zur Verdeutlichung:


Ihr Arzt ruft Sie nach einer Untersuchung an, es seien weitere Untersuchungen erforderlich. Nach der ersten Reaktion - und ersten Angst - stellen sich Gedankenkreisen, Schlaflosigkeit, Panik ein.


Als Teamleiter erfahren Sie kurzfristig von Finanzierungsschwierigkeiten des laufenden Projekts.. Sie rufen Ihre Kolleg*innen zusammen, um sie zu informieren und die Strategien anzupassen. Spontan haben mehrere Teammitglieder in der Diskussion konstruktive Ideen zur Anpassung an die neue Situation. Andere machen sich primär Sorgen um die Zukunft des Projekts und damit gegebenenfalls auch ihrer eigenen Zukunft. Wie reagieren Sie als Führungsverantwortlicher, um die Compliance der betroffenenen Mitarbeitenden nicht zu verlieren?


Ihr Kind rennt vor Ihnen auf die Strasse: Sie sprinten hinterher, lassen den Einkaufskorb fallen, erreichen das Kind rechtzeitig. Die erste Angst hat einen guten Job gemacht! Abends berichten Sie ihrem Partner und die zweite Angst betritt die Bühne. Im Gespräch wachsen die Sorgen der elterlichen Verantwortung und breiten sich aus auf Schule, Wohnort, Betreuung, Partnerschaft...


Der Buddhismus spricht hier vom ersten und zweiten Pfeil. Ein hilfreiches Bild, wie ich meine.

Der erste Pfeil steht für die direkte, natürliche, hilfreiche - gesunde Reaktion.

Der zweite Pfeil steht für die Angst, genauer Sorgen, die sich einstellen durch Gedanken (-kreisen) und sekundäre Gefühle wie Selbstzweifel, Frustration, Hilflosigkeit, Überforderung.



Um die Intelligenz der Angst zu nutzen, für sich selbst, das Team, die Familie können Ihnen die nachfolgenden Strategien helfen:



Bleib wach!

Menschen, die von Berufs wegen extremen Risiken ausgesetzt sind, lernen in ihrer Ausbildung, Angst frühest möglich zu bemerken. Der Fokus liegt hier auf körperlichen Empfindungen, die sehr individuell sind. Kribbeln in den Handflächen, Magendruck, Hitzegefühl oder Kälte u.a. Im Angstmanagement gilt der alte, deutliche Satz: Stay in your head, you re dead.

Schärfen Sie Ihre Wahrnehmung: Ziel ist, die Intelligenz der Angst und ihrer Instinkte zu nutzen und die zweite Angst, welche häufig zu Starre oder Panik führt zu vermeiden. Übrigens: Sie müssen kein Navy Seal werden wollen - in Führungstrainings üben wir ganz praktisch Angst zu erkennen und zu handhaben, die eigne und die der Mitarbeitenden. Denn gute Ergebnisse wachsen in angstfreien Zonen.



Schau hin!

Es braucht Mut, besser: Courage, den Mut der im Herzen wohnt, um die Informationen zu lesen, die die Angst im Gepäck hat. Stellen Sie sich vor, Sie öffnen einen wichtigen Brief. Doch reicht Mut alleine nicht: Es braucht auch Übung in Selbstwahrnehmung und Disziplin zur regelmäßigen Reflexion. Denn die oft bereits zur Gewohnheit gewordene Verdrängung ist keine kluge Strategie: Reservieren Sie sich konsequent und täglich einen Termin mit sich selbst, schreiben hilft! Keine Zeit? Keine Ausreden! Selfcare is teamcare.



Handle!

Um gar nicht erst in die lähmende Opferrolle (2. Pfeil!) zu rutschen ist es essentiell, die ausgelesenen Informationen umzusetzen. Nicht immer sind Lage und damit Handlungsoptionen eindeutig. um Informationen in Taten umzu setzen: Auch aufmerksames Abwarten und vorbereiten ist Handeln, und nicht zu verwechseln mit Aktionismus.

Um auch unter Druck und Unsicherheit handlungsfähig und fokussiert bleiben zu können, kontrollieren Sie ihre Atmung. Starten Sie mit dem Box- Breathing, eine Methode der Navy Seals (Videos dazu auf YouTube und in ihrem Kunden Bereich).



Manage Dein Adrenalin!

Der Energieaufwand in einem hypervigilanten Zustand ist erheblich für Körper und Gehirn und kann nicht unbegrenzt gehalten werden. What goes up must come down: Üben Sie sich in gezieltem und regelmäßigem Adrenalinmanagement. Ein Angst-Zustand der chronifiziert führt nicht selten in die Depression oder Resignation und zu körperlichen Erkrankungen. Nicht gesund für den Einzelnen, und verbunden mit hohen Kosten für Team, Unternehmen und Gesellschaft.



Bereite Dich vor!

Angst lässt sich definieren als Überschätzen von Gefahr und Unterschätzen von Ressourcen. Die Stellschraube an der jeder drehen kann ist die persönliche mentale Stärke und Resilienz, die wichtigste Ressource im Umgang mit Herausforderung und Bedrohung mit der auch die realistischere Einschätzung der echten oder vermuteten Gefahr gelingt. Trainieren Sie ihre Resilienz, regelmäßig und strukturiert. Auch im Team! Eine mittlerweile unüberschaubare Fülle an Studien belegt: Mit einer gut entwickelten Resilienz, der Fähigkeit aus Flexibilität und Widerstandskraft, überstehen wir Krisen nicht nur gesünder, wir wachsen an Herausforderungen (sogenannter „Post traumatic growth“).




Bottomline

Angst ist unser eingebauter Überlebens-Mechanismus, der nur scheinbar, unter hohen Kosten und selbst dann nur kurzfristig verdrängt werden kann.

Ich plädiere für einen klugen Umgang mit Angst, dafür, den Überlebensmechanismus intelligent zu nutzen. So, wie es Menschen in Berufen lernen, in denen Angst per se dazu gehört: Niemand wird Marine, Astronaut oder Rettungstaucher, wenn er keine Angst hat. (Und wenn doch - wird er nicht lange überleben). ich plädiere für eine Rehabilitation der Angst als kluge Ratgeberin resilienter, mental starker Menschen.

Nutzen Sie die Intelligenz der Angst. Und für eine gute, fokussierte Zusammenarbeit teilen Sie die Anregungen mit Ihren Kolleg*innen im Team - und Ihrer Familie.



Verleugnung und Inaktivität bereiten die Leute gut auf Ihre Rolle als Opfer und Leichen vor. - Prof. John Leach


© copyright Corinna Cremer 2021: Dieser Text ist ein Auszug aus "Nennen wir es Freiheit" von Corinna Cremer



Corinna Cremer berät, begleitet und inspiriert seit über 20 Jahren Menschen in Unternehmen zum erfolgreichen Umgang mit Herausforderungen, selbstgewählte ( zB Projekte) wie weniger selbstgewählte (aka Krise). Zu ihren Kunden gehören internationale Konzerne, mittelständische Familienunternehmen, Start-ups, NGOs, Einzelklienten.

Mit ihrer Expertise, ausgebildet in CISM unterstützt sie ein internationales Team in der Krisenintervention. Critical Incident Stress Management ist eine von den Vereinten Nationen, UN, anerkannte und im Bedarfsfall angeforderte Methode zur Krisenintervention und Prävention von Traumafolgestörungen. In verschiedenen Projekten setzt sich Corinna Cremer ein für die Demokratisierung von Ressourcen zum Schutz mentaler Gesundheit. www.corinnacremer.com



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