Die Sauerstoffmaske.oder: Think like a mother.
- 16. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
„Im Falle eines plötzlichen Druckabfalls, fallen automatisch Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke über Ihnen. Nehmen Sie diese und setzen Sie sie fest auf Mund und Nase, erst dann helfen Sie Kindern.“
Diese international uniforme Ansage im Luftverkehr ist sicherheitsrelevant und erhöht die Chance im Notfall zu überleben enorm. Bravo!
Höre oder lese ich diese Worte außerhalb eines Flugzeuges verdrehen sich mir Augen und Magen. Und das ganz ohne Turbulenzen.
Nichts gegen Metaphern, gerne auch aus der Luftfahrt, denkt unser Gehirn doch in Bildern.
Was mich aufbringt ist der Missbrauch dieser Sicherheitsanweisung für erdnahe zwischenmenschliche Angelegenheiten.
Das Copy - paste taucht in der Regel im Kontext Selbstfürsorge auf. Der Gedanke dahinter: Du kannst anderen nur helfen, sofern Du zuvor für Dich selbst sorgst.
Betrachten wir diesen Glaubenssatz differenzierter zeigen sich mindestens zwei Bruchstellen:
1. Die Annahme, das Ergebnis geteilter Ressourcen sei nach Adam Riese zu ermitteln ist falsch. Wie jeder Liebende weiß.
Wer anderen hilft, tut Gutes vor allem auch für die eigene mentale und körperliche Gesundheit, ein sicher belegter Zusammenhang. Caring creates resilience. Anderen beizustehen kann also durchaus eine win-win Situation sein.
Think about it.
2. Ein weiterer Aspekt, der mich vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen besonders schmerzt: Der in Rede stehende aus der Luft gefallene Ratschlag richtet sich besonders oft an Mütter. Und landet ebenda nicht selten als Schlag in´s Gesicht. Formuliert für
Notfall-Situationen siegt im Normalfall in genau diesen die als Mutter- oder Vaterliebe sichtbar werdende Neurobiologie: Mütter drehen sich nicht genüsslich auf die andere Seite, wenn der Säugling nachts schreit, auch wenn sie den Schlaf bitter nötig hätten.
Nehmen nicht ein paar Tage frei vom Krankenbett des Kindes, auch wenn die Krankheit Jahre dauert.
Das letzte Stück Brot, den letzten Schluck Wasser bekommt...das Kind.
Wer jetzt Bilder aus Kriegs - und Krisengebieten sieht, macht die Augen in seiner näheren Umgebung vermutlich nicht weit genug auf. Auch in unserem reichen Land sitzen nachts verzweifelte Mütter an Küchentischen, sofern sie Obdach und damit einen Tisch haben, nicht wissend, wie sie ihre Kinder sicher und satt über den nächsten Tag
bekommen sollen.
Meine Kinder und ich, wir hätten nicht überlebt, wäre ich dem vermeintlich wohlwollenden „selfcare first“ Ratschlag gefolgt, der vor vielen Jahren auch auf mich niederprasselte von allen Seiten, dort, wo helfende Hände und Herzen angebracht und willkommen gewesen
wären.
wenn es eng wird…
Reichen nun die Ressourcen nicht aus für „Selfcare first!“ und siegen evolutionsbiologische Prägungen, die das Überleben des Nachwuchses sichern, erwartet die Mutter nicht etwa gesellschaftliche Anerkennung. Nein, vielmehr gesellt sich zu
Erschöpfung und Verzweiflung das ebenso mächtige wie zersetzende Gefühl der Scham.
Zusammen mit dem Empfinden von Unfähigkeit, einem in den Medien propagierten Ideal der fitten, gelassenen, organisierten, smarten Mutter nicht zu entsprechen, nicht entsprechen zu können.
An dieser Stelle lässt sich dann viel Geld verdienen, die Not der
Mütter wird kommerziell ausgeschlachtet.
Sauerstoffmasken fallen im Übrigen im Erdenleben leider äußerst selten vom Himmel...
Epilog:
Ich sitze in der Berliner U8, spätabends und blättere in einem Magazin - mir fällt auf: die Inszenierung fitter, gesunder, strahlender Mütter nimmt zu, oft wird dabei ein veganer
Yoga Lifestyle zum Diktat stilisiert: „Um meinem Kind eine gute Mutter zu sein, so heisst es in den sich erschreckend ähnlichen Zitaten, muss ich mich erstmal gut um michselber kümmern.“.
Zielgruppe Mutter, Produkt Selfcare.
Mein Blick fällt auf die Frau schräg gegenüber, eine Mutter schliesse ich aus Windeln und Turnbeutel in ihrem Gepäck. Sie sieht müde aus, erschöpft, zerknittert. Vor der Zeit gealtert sagte man früher. Ich stelle mir vor, sie ist auf dem Heimweg von ihrem Zweit-
Job. Wenn sie gleich zu hause ist, hilft sie den Kindern bei den Hausaufgaben, hoffentlich gibt es nicht wieder Geschrei denkt sie, die Nerven blank. Und mit dem Vermieter muss sie reden, wegen der Miete….
Wer ist nun die gute Mutter?
Leider haben die Mütter, die das Leben wenig schont selten Zeit und Energie in sozialen Medien zu posten. Doch ihre Geschichten sind es wert, geteilt zu werden. Wertvoll auch als Beitrag zur aktuellen Diskussion „Wie erziehe ich resiliente Kinder? “. Ich möchte
den Müttern zurufen: Auch wenn keiner euch sieht, oder sehen will, eure Kinder sehen euch, und sie werden nicht vergessen. Wenn ihr heute nicht stolz auf euch sein könnt,eure Kinder werden es morgen für euch sein.
Es ist kein Zufall, wenn erstaunlich viele starke, glückliche und erfolgreiche Menschen in ihrer Jugend nicht auf Rosen gebettet waren.
Denn was ein Kind vor allem anderen braucht ist eine Bezugsperson auf die es sich bedingungslos verlassen kann. Schön, wenn diese Person dabei auch noch entspannt,gelassen und fröhlich ist, viel wichtiger jedoch sind die Lektionen in Überlebenskunst
und die Bedeutung von Würde, die ein Kind durch Mit-erleben lernt.
Resilience is an outcome, not a product of yoga, vegan lunch and me-time.
Meine Definition: Eine gute Mutter ist eine Mutter, die auch nach einer Nacht voller Verzweiflung aufsteht, um für die Kinder das zu tun was getan werden muss. Die nicht nur zu sondern auch hinter ihren Kindern steht. Was auch immer das Leben bereit hält.
Think like a mother.
Corinna Cremer, Dozentin und Vordenkerin für Krisengesundheit.
"Krisen sind besser als ihr Ruf und Vorbereitung lohnt sich - weil wir Ausnahmesituationen selten verhindern können, anders als ihre Folgen." Einige meiner Erlebnisse und Erfahrungen aus 30 Jahren in der Begleitung von Menschen und Organisationen in Herausforderungen teile ich in der Kolumne gerührt & geschüttelt. www.corinnacremer.com
